Hier finden sich die Langfassungen der Fachartikel aus den BAGAGE News, die etwa alle zwei Monate erscheinen. 
Die Anmeldung für unseren Newsletter BAGAGE News finden Sie HIER

BAGAGE News N° 14 vom 07.05.2026

„Keiner weiß, was auf uns zukommt“

Auf den Rechtsanspruch auf Ganztag sind Schulen und Träger der Schulkindbetreuung sehr unterschiedlich vorbereitet

von Friedemann Köngeter

In einer Kleinstadt im Osten des Schwarzwaldes ist die Haushaltslage dramatisch, es gilt eine absolute Haushaltssperre. Fort- und Weiterbildungen sind zurzeit weit außer Reichweite für die städtischen Angestellten. Wenn es um dringend benötigtes neues Personal für die Schulkindbetreuung im Ganztag geht, muss die Leiterin fast „ein Buch schreiben“, um das zu beantragen. Sie befürchtet, dass es mindestens in den nächsten 2-3 Jahren nicht besser wird und sieht noch kein Licht am Ende des Tunnels. In der einst industriereichen und innovativen Region machen nur noch die Waffenfirmen Gewinn. Die anderen entlassen Teile ihrer Belegschaft, die Gewerbesteuereinnahmen der Kommunen sinken immer weiter.

„Keiner weiß, was auf uns zukommt“ sagt die Koordinatorin der Schulkindbetreuung an einer größeren Grundschule und sie fürchtet, dass der Rechtsanspruch auf Ganztag von verschiedenen verantwortlichen Stellen „nicht zu Ende gedacht“ wurde. Weder Personalausstattung noch Qualifizierung des Personals sind vier Monate vor dem Beginn des Rechtsanspruchs auch nur einigermaßen adäquat vorhanden. An dieser Schule arbeiten außer der Koordinatorin ausschließlich Quereinsteiger:innen in der Schulkindbetreuung. Siebzig bis achtzig Prozent haben nicht Deutsch als Muttersprache, was auch ungefähr der Quote unter den Kindern entspricht. Die sprachliche Vielfalt unter den Schulkindbetreuer:innen ist ein Vorteil, weil so die meisten Kinder auch in der Sprache ihrer Eltern erreicht werden können. Probleme wegen autoritärer Einstellungen in der Pädagogik gab es nur selten. Als das einmal massiv der Fall war, musste man sich von den Mitarbeitenden trennen. Das war nicht einfach, weil die Personaldecke ohnehin viel zu dünn ist. Die Leiterin sagt über ihren Arbeitsalltag, dass sie schon jetzt an ihrem pädagogischen Anspruch vorbei arbeite und im Prinzip nur noch durchschleuse. Die Kinder werden beaufsichtigt und grob versorgt, zu mehr reicht die Zeit und die Kapazität nicht. 

Auch von anderen Städten und Gemeinden in der Umgebung weiß sie, dass sich die Situation angesichts des Ganztagesanspruchs dramatisch darstellt. Während an ihrer Schule recht gute Strukturen bestehen und nur der Anspruch auf Ferienbetreuung eine ungelöste Herausforderung ist, weiß man in anderen Gemeinden überhaupt noch nicht, wie man ins kommende Schuljahr kommt. Etwas Hoffnung liegt auf dem „Startchancen-Programm“ des Landes. Dieses verspricht 2,6 Milliarden Euro in 10 Jahren und wird vom Kultusministerium als „Paradigmenwechsel“ bezeichnet, weil das viele Geld zielgenau da hinfließe, wo es „am nötigsten gebraucht wird“. Konkret sind damit Schulen in eher strukturschwachen Regionen oder ärmeren Stadtvierteln gemeint. 

Während östlich des Schwarzwaldes alles sehr schleppend vorangeht, hört man von den Schulkindbetreuer:innen in Freiburg weitestgehend Zuversicht. Offensichtlich wurde hier rechtzeitig für ausreichend Personal und für gute Qualifizierung gesorgt. Mindestens die Schulkindbetreuer:innen unter städtischer Trägerschaft sind zu einem großen Teil entweder ausgebildete Fachkräfte oder in 320 Unterrichtsstunden speziell für diese Aufgabe qualifiziert worden.  Sowohl aus einer innerstädtischen Grundschule als auch aus einem Bildungszentrum in dem Stadtteil mit dem größten Migrantenanteil hören wir, dass sowohl die Räumlichkeiten als auch die Personalausstattung wenig zu wünschen übriglassen und der Ganztagessanspruch niemanden mehr beunruhigt.

Ein Bedarf an Fortbildungen für die Schulkindbetreuer:innen wird dort zwar prinzipiell gesehen, aber nicht in Form von ganztägigen oder mehrtägigen Seminaren. Angemessen für das sehr gut ausgebildete und motivierte Personal in der Schulkindbetreuung eines größeren Bildungszentrums seien eher halbtägige Einheiten mit einer Reflexionsschleife vier Wochen später, sagen die Verantwortlichen für das pädagogische Personal. Auch im Rathaus gibt man sich grundsätzlich optimistisch: Man sei gut aufgestellt und gehe davon aus, dass der Rechtsanspruch erfüllt wird – auch wenn es an einigen Standorten noch ungedeckte Bedarfe gibt. Hier wird aber intensiv an Lösungen gearbeitet.

Ähnlich gut läuft es in der Nähe des Europaparks, wo die Leiterin betont, dass die Vorbereitung auf den Ganztagesanspruch sowohl vom Wohlfahrtverband als Träger als auch von der Gemeinde sehr gut unterstützt worden sei. Das gute Standing und der gute Ruf des Trägers haben möglicherweise dazu beigetragen, dass nun alle Personalstellen für das kommende Schuljahr besetzt werden konnten. Ein- bis zweitägige Fortbildungen für die Mitarbeitenden scheinen ziemlich genau dem Bedarf zu entsprechen.

Im Dreiländereck ist eine Stiftung die Trägerin der Schulkindbetreuung. Bisher war das Problem bei der klassischen Kernzeitbetreuung, dass der Job durch den geteilten Dienst und den geringen Verdienst wenig attraktiv für Fachkräfte war. Dadurch war die Trennung zwischen Unterricht mit Bildungsanspruch und der reinen Betreuung durch unqualifiziertes Personal sehr deutlich. Genau diese soll jetzt verringert werden, hofft der Koordinator der Stiftung. Im Rahmen der Ganztages-Pflicht bekommen Schulen zusätzliche Deputate an Lehrerstunden, die sie auch monetarisieren können. So kann eine Schule zum Beispiel die Leitung einer Musik-AG von der Volkshochschule einkaufen. Die Stiftung bietet erfolgreich Kunstkurse für die Grundschulen an. An der „Verlässlichen Grundschule“ muss auch Ferienbetreuung angeboten werden, dadurch wird es tendenziell unübersichtlich. Da auch die Stiftung keine Kapazität für ein umfassendes Ferienprogramm hat, kommen nun Anbieter aus Nordrhein-Westfahlen oder aus Österreich als Dienstleister zum Zug. Es liegt auf der Hand, dass hier neue Kooperationen gewagt und erprobt werden müssen. 

Die politische Entwicklung, die Ungleichheit der Startchancen von Kindern durch den gesetzlichen Ganztagesanspruch zu lindern, geht sicher in die richtige Richtung. Die unterschiedliche wirtschaftliche Lage der Kommunen schafft allerdings neue, regionale, Unterschiede. Zudem ist es angesichts der verschiedenen gesetzlichen Varianten des Ganztages und der verschiedenen Anbieter auf dem Feld der Schulkindbetreuung nicht leicht, den Überblick zu behalten.

Weitere BAGAGE News:

BAGAGE News N° 12 vom 16.07.2025

Der weiterentwickelte Orientierungsplan ist da

Ein Kilo Orientierung feierlich präsentiert

von Friedemann Köngeter

Lange mit Spannung erwartet wurde der weiterentwickelte Orientierungsplan (WeOP) am 14. Juli in Stuttgart vor etwa 500 Anwesenden vorgestellt. Außerdem waren ungefähr 3.500 Interessierte online zugeschaltet. Ein ziemlich großer Bahnhof also für das etwa 1 Kilo schwere gelb-graue Buch, das die Meisten erstmals in Augenschein nehmen konnten. Der WeOP gilt als in seinen Zielen verbindlich für alle Kindertagesstätten in Baden-Württemberg. Das bedeutet, dass er genügend Freiheit dafür lässt, wie die Ziele zu erreichen sind.

Weiterlesen

BAGAGE News N° 13 vom 02.02.2026

Psychomotorik – Ganzheitliche Entwicklungsbegleitung

Ein Gespräch mit der Psychomotorik-Lehrerin Kathleen Bornfleth

von Friedemann Köngeter

Am Rande des Seminars „Sprache braucht Bewegung“ konnte ich mit unserer Psychomotorik-Referentin Kathleen Bornfleth über den Ursprung des Konzeptes und das derzeit steigende Interesse an Psychomotorik sprechen. Immer wieder hatte ich den Namen Renate Zimmer gehört. Sie war und ist zwar die bedeutendste Multiplikatorin des Konzeptes, aber nicht seine Erfinderin. 

Weiterlesen

BAGAGE News N° 10 vom 09.12.2024

Locker bleiben

Interview mit unserem Kollegen Peter Rist, der nach 40 Jahren in der FABRIK in den "Ruhestand" geht

BAGAGE News: Wie sahen Deine ersten Tage in der Fabrik aus?

Peter Rist: Ich habe mich 1987 um eine Stelle bei der Kindergruppe in der FABRIK beworben und die Elternversammlung sollte über meine Einstellung beschließen. Da wurde ich sehr intensiv befragt, auch nach meiner politischen Gesinnung. Es hat mich tatsächlich an die Gewissensprüfung zur Kriegsdienstverweigerung erinnert. Eigentlich war ich ziemlich unter Druck, einen Job zu finden, das erste Kind war schon da. Ich konnte aber trotzdem relativ locker bleiben und bekam schließlich die Stelle.

Weiterlesen

BAGAGE News N° 11 vom 13.05.2025

Wut tut gut

Gefühle achtsam begleiten

von Daniela Faller

Wut begegnet uns im pädagogischen Alltag fast täglich: wenn ein Kind ein Spielzeug nicht teilen möchte, wenn es sich ungerecht behandelt fühlt oder überfordert ist. Für uns Fachkräfte ist das oft eine Herausforderung – besonders, wenn der Tag ohnehin schon turbulent ist und die eigenen Kräfte begrenzt sind.

Wut wird im Gruppengeschehen schnell als „problematisch“ empfunden – laut, störend, unbequem. Doch sie ist ein wichtiges Gefühl: kraftvoll, ehrlich und ein Signal dafür, dass ein Kind etwas braucht oder schützen will.

Weiterlesen

BAGAGE News N° 9 vom 10.10.2024

Kontinuität und Wandel

Interview mit unserer neuen Kollegin Heike Hatterscheidt

BAGAGE News: Herzlich willkommen, Heike! Seit letzter Woche bist Du unsere neue Kollegin bei BAGAGE. Warum hast Du Dich für die Stelle bei BAGAGE entschieden?

Heike:  Ich habe viele Jahre Kita-Alltag hinter mir und habe mir überlegt, mich beruflich zu verändern. Ich wollte aber weiterhin mit Menschen und mit Pädagogik zu tun haben.

Weiterlesen

BAGAGE News N° 8 vom 06.05.2024

Werden Babys doch vom Storch gebracht?

Vorurteile von Eltern über die sexualpädagogische Erziehung

von Angela Hollstein

Die Kommunikation mit Eltern zu kindlicher Sexualität ist eine große Herausforderung im Kita-Alltag. „Mein Kind hat keine Sexualität“, „Ich erzähle meinen Kindern, dass Gott sie geschickt hat und möchte nicht, dass Sie in der Kita etwas Anderes erklären“, „Mein Kind darf die anderen Kinder nicht nackt sehen, das gehört sich nicht“ und „Ich hoffe, Sie geben den Kindern bei der Hitze die Möglichkeit nackt zu spielen“ sind einige Beiträge von Eltern, die mir bei Elternabenden oder von Fachkräften berichtet werden.

Weiterlesen

BAGAGE News N° 7 vom 19.02.2024

Weil die Arbeit Spaß machen darf

Positive Pädagogik in der Kita

von Hannah Winkler

„Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll“, „Mir graut es davor, morgens in die Gruppe zu kommen, falls meine Kollegin wieder krank ist“ oder auch „Es bringt doch eh nichts“ – Diese drei Aussagen spiegeln eine Menge Frust, vielleicht auch schon Resignation von pädagogischen Fachkräften, wenn sie über ihren Kita-Alltag berichten. Auf die belastenden Faktoren brauchen wir hier nicht noch einmal einzugehen, denn Fakt ist: Sie sind da. Und sie sorgen dafür, dass man an alles denkt, aber am wenigsten daran, dass die Arbeit auch Spaß machen darf – und das vielleicht sogar einmal der Fall war. Früher.

Weiterlesen

BAGAGE News N° 6 vom 13.09.2023

Schwieriger Neuanfang

Kinder mit Fluchterfahrung in der Kita ohne Therapeut:in

von Friedemann Köngeter

„Auch in unserer Kita haben wir Flüchtlingskinder, die traumatisiert sind. Leider wird man doch sehr allein gelassen und findet nur schwer Hilfe“ schreibt uns eine Erzieherin und bringt damit eine Ratlosigkeit zum Ausdruck, die wohl in vielen Kitas herrscht, seit die Zahl der Geflüchteten wieder ansteigt. Grund genug, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und danach zu fragen, wie Pädagog:innen mit ihrem normalen fachlichen Rüstzeug mit dieser Situation umgehen können.

Weiterlesen

BAGAGE News N° 5 vom 15.06.2023

Die Holzwerkstatt mit knappen Mitteln

von Friedemann Köngeter

Werkeln macht nicht nur Kinder froh. In der Holzwerkstatt erleben wir beispielhaft, wie wichtig es sein kann, Kindern gleich richtiges Werkzeug in die Hand zu geben anstatt "Spielzeug", das aussieht wie Werkzeug. Auch wenn das Werkzeug in der Holzwerkstatt nicht wirklich Spielzeug ist, wäre es schön, wenn ein spielerischer Umgang damit gelingen könnte. 

Weiterlesen

BAGAGE News N° 4 vom 06.04.2023

Eine eiskalte Osterüberraschung 

Von Birgit Lüdtke-Brucker

Fehlt euch noch eine kleine Osterüberraschung für eure Lieben? Wir hätte da eine „eiskalte DIY-Idee“ für euch.

Weiterlesen

BAGAGE News N° 3 vom 01.02.2023 

Hilfe, wir haben Hortkinder

Ein Interview zum Rechtsanspruch

Satire von Michael Fink

Noch mehr Plehmobil! Ein Eifohn! Erpotz für mein Eifohn! Heutige Kinder haben immer höhere Ansprüche. Jetzt kommt noch einer dazu: Ab dem Schuljahr 2026/27 hat jedes Kind, das eingeschult wird, einen Anspruch auf einen Ganztagsplatz während der Grundschulzeit. Muss irgendwer irgendwas tun, um diesem Anspruch gerecht zu werden, vielleicht sogar der knauserige Ortsbürgermeister von Tupfeldingen? Alle wichtigen Fragen klärt dieses Interview – zum Glück mit einem total erfundenen Experten für diese ergänzende Nachmittags-Schulkindbetreuung oder wie immer das jetzt heißt. Gut, dass es nur Satire ist, die alles darf…

Weiterlesen

BAGAGE News N° 2 vom 30.11.2022 

Ästhetische Bildung und Kreativität von Anfang an

von Birgit Lüdtke-Brucker

Was ist eigentlich „ästhetische Bildung“ und warum ist die Möglichkeit zu selbständigem kreativem Arbeiten schon für die Kleinsten so wichtig?

Weiterlesen

BAGAGE News N° 1 vom 28.09.2022 

Das Absperrband ist weg

Die schwierige Rückkehr zur offenen Arbeit nach der Pandemie

von Sabrina Stoll

Zwei Jahre Corona-Pandemie haben den Alltag vieler Kitas komplett auf den Kopf gestellt. Qualitativ hochwertige Pädagogik konnte oft nur eingeschränkt stattfinden. Offene Konzepte wurden von jetzt auf gleich aufgelöst und es ging in ein geschlossenes Gruppensystem zurück. Veränderungsprozesse in der Teamarbeit wurden zu einer großen Herausforderung. Wie finden wir nun wieder in unserem Alltag ins offene Arbeiten zurück? Was braucht es dazu?

Weiterlesen