BAGAGE News N° 15 vom 30.09.2026
BNE in der Kita
Freude am vermeintlichen Verzicht
von Friedemann Köngeter
Im August 2026 wurde BAGAGE mit dem BNE-Zertifikat des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Wir waren absolut sicher, schon sehr lange nachhaltige Bildung zu betreiben. Vom Weidenhäuschen zum Upcycling in der Kreativität, von der Stärkung kommunaler Strukturen durch stabile Erzieher:innen, von Ökostrom in der FABRIK bis zum Kauf möglichst nachhaltiger Konsumgüter waren wir immer überzeugt, so viel für die Nachhaltigkeit zu tun, wie uns möglich war.
Dennoch geriet der Zertifizierungsprozess etwas langwierig und wurde immer wieder von Zweifeln daran gebremst, ob wir die „Marke“ BNE angemessen promoten. Nach über einem Jahr erhielten wir schließlich das Zertifikat.
Dass es dieses Zertifikat und damit die ganze Aufmerksamkeit für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) überhaupt gibt, haben wir unter anderem der Landesregierung zu verdanken. Während das Bundeswirtschaftsministerium noch auf fossile Energien setzt, schreibt das Kultusministerium des Landes die Bildung für nachhaltige Entwicklung als eines von vier Leitprinzipien in den „Orientierungsplan für Bildung und Erziehung“ (WeOP), der in seiner weiterentwickelten Form 2025 erschienen ist. „Besser – anders - weniger – gerechter – dauerhaft“ sind die 5 BNE-Strategien, die der Orientierungsplan benennt.
Gerechtigkeit ist der ursprüngliche Antrieb, den unsere BNE-Referentin Daniela Seibert nennt, als wir sie nach dem Ursprung Ihres Interesses für BNE fragen. Besonders ihre frühen Reiseerlebnisse ließen sie spüren, dass die Welt schon lange alles andere als gerecht ist. Zeitlich sieht sie die Wurzel ihres Engagements für BNE in der „Jute statt Plastik“-Ära, die in Westdeutschland 1978 begann. Heute beobachtet sie, dass die meisten Menschen noch gar nicht erfasst haben, dass es bei BNE um die ganze Lebensführung geht, nicht nur um Umweltschutz. Die Dringlichkeit und die Brisanz von Nachhaltigkeitsthemen ist die Motivation für Daniela, diese für Erzieher:innen in Kitas und Krippen anzubieten.
Die BNE-Referentin Melanie Olfert beschäftigt sich seit etwa 10 Jahren mit ihren eigenen Konsummustern, insbesondere mit Mobilität und Ernährung. Sie empfindet weder Urlaubsreisen mit dem Zug noch vegetarisches Essen als Verzicht oder Verlust. Im Gegenteil haben diese Dinge ihr Leben leichter gemacht und bereichert. Die Freude daran möchte sie gerne an andere weitergeben.
Unser Referent Mattheo Pfleger ist stellvertretender Leiter einer der renommiertesten Kitas in Freiburg und seit vielen Jahren auf nachhaltige Lebensweisen spezialisiert. Fragt man ihn nach den wichtigsten Aspekten von BNE, fällt es ihm schwer, auch nur einen als weniger wichtig einzustufen. Keines der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen würde er hinten anstellen. Für ebenso wichtig erachtet Mattheo die IDGs, also Inner Development Goals. Deren wichtigster Kern ist Beziehung, in erster Linie zu anderen Menschen. Allerdings sieht Mattheo die Bedeutung der Beziehung in der Pädagogik erweitert um Tiere und Pflanzen, möglicherweise auch um Dinge wie einen Hügel oder einen Stein. Kinder haben hierzu einen guten Zugang und bauen durch das Naturerleben natürlicherweise Beziehung auf. So wird die „Umwelt“ zur „Mitwelt“ und ihr Schutz wird selbstverständlich.
Auch Melanie berichtet, dass Kindergartenkinder sehr schnell eine emotionale Beziehung zu Tieren und Pflanzen aufbauen und diese beschützen möchten. Daran knüpft sie in ihrer Arbeit an und ermöglicht den Kindern intensive Naturerfahrungen. Dadurch erlebt sie gerade bei Kindergartenkindern ein starkes Bedürfnis, die Natur zu erhalten.
Wie gehen unsere Referent:innen damit um, dass Umweltthemen für uns Erwachsene durchaus etwas Existenzbedrohendes haben? Vor der Klimakatastrophe und ihren Auswirkungen Angst zu haben, würden wir für Erwachsene völlig begründet und normal finden. Aber wollen wir Kindern Angst machen? Mattheo und sein Kindergartenteam thematisieren die die großen Gefahren, die auf uns zukommen nicht, sondern setzt ganz auf der Sinnesebene auf das Naturerleben. Aber auch kleine Kinder bekommen vieles mit und wissen um das Sterben, ohne große Angst zu entwickeln. Grundschulkinder dagegen sind schon ziemlich auf der „Sorgenebene“ unterwegs, wie Mattheo es nennt. Melanie berichtet, dass Artensterben und Umweltverschmutzung sehr im Bewusstsein der Kinder seien. Ihre Aufgabe sieht sie darin, Handlungsoptionen aufzuzeigen.
Selbstwirksamkeit ist für alle BNE-Akteure der zentrale Punkt, an dem sich zu arbeiten lohnt. Wenn ein Kind Plastikmüll einsammelt weiß es, dass es dadurch weniger Mikroplastik im Meer gibt und weniger Fische sterben. Insektenhotels und bunte Blumenbeete können das Insektensterben mindern und sehen auch noch schön aus. Melanie sieht, „unzählige Möglichkeiten, positive Akzente zu setzen“. Für Pädagog:innen geht es auch darum, den Kindern in ihrem natürlichen Forscherdrang nicht in die Quere zu kommen, ihnen das Erleben und Ausprobieren zu ermöglichen, sagt Mattheo. So entsteht das Gefühl der Selbstwirksamkeit.
Alle drei Referent:innen sind sich darin einig, dass es die offene Haltung ist, die für einen positiven Bezug zur nachhaltigen Pädagogik entscheidend ist. Sie führt im besten Falle zu reflektierten Handlungen und Entscheidungen; sowohl bei der eigenen Lebensführung als auch in der Pädagogik.
Sowohl die Referent:innen als auch wir bei BAGAGE wundern uns immer wieder, warum die Bildungsangebote zu BNE oft weniger stark angenommen werden, als z.B. die zu Neurodiversität oder herausforderndem Verhalten. Wir verstehen, dass es da um handfeste Probleme geht, die den Pädagog:innen täglich das Leben schwer machen.
BNE wird vielfach als ein Nebenthema gesehen, dem wir uns widmen können, falls am Ende noch Zeit und Geld übrig sind. Tatsächlich geht es um unsere Zukunft und um die Zukunft der Kinder. Um dieses Paradox zu akzeptieren ist auch von uns einige Ambiguitätstoleranz gefragt: wir müssen anerkennen, dass verschiedene Wahrheiten nebeneinanderstehen, obwohl sie sich zu widersprechen scheinen. Ambiguitätstoleranz ist auch eine der Kompetenzen, die Bildung für nachhaltige Entwicklung vermitteln will.
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